:: Ausbildung im Gesundheitswesen

  

Gesundheit - ein neuer Mega Trend

Wirtschaftliche Entwicklungen vollziehen sich in modernen Industriegesellschaften langfristig und zyklisch. Über Jahre hinweg kommt es zu Situationsveränderungen, die meist mit Wachstum, Stagnation und Rezession beschrieben werden. Dies sind kurze und mittlere Schwankungen, die sich über 3-11 Jahre erstrecken.

 

Die langen Konjunkturbewegungen: Seit 1926 wissen wir, dass es zugleich auch lange Konjunkturbewegungen mit einer Dauer von etwa einem halben Jahrhundert gibt. Diese langen Zyklen werden Kondradieff-Zyklen genannt ? nach dem gleichnamigen russischen Wissenschaftler, der erstmals darauf aufmerksam gemacht hatte. Nach seiner These haben bahnbrechende Erfindungen lange innovative Perioden zur Folge. Wenn solche herausragenden Erfindungen in den Markt gelangen, führen sie zu einer neuen Infrastruktur - sie prägen die wirtschaftliche und soziale Entwicklung von Gesellschaften für lange Zeit.

 

Die fünf Kondradieff-Zyklen: Der erste der bisherigen fünf Zyklen (1800-1850) wurde ausgelöst durch die Erfindung der Dampfmaschine; er befriedigte den gesellschaftlichen Bedarf nach Textilien und Kleidung. Der zweite Zyklus (1850-1900) wurde durch die Entwicklung des Stahls beeinflusst; hier entwickelte die Gesellschaft den Wunsch nach besseren Transportmitteln. Zentral für den dritten Zyklus (1900-1950) war der Bedarf nach Massenkonsum, der durch die Entfaltung der elektrischen und chemischen Industrie ausgelöst wurde ? zugleich auch der erste Zyklus, der von der praktischen Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse profitierte. Der vierte Zyklus (1950-1990) wurde durch die Petrochemie und das Auto angestossen; dies war die Phase, in der der gesellschaftliche Bedarf nach individueller Mobilität zum Zuge kam. Sie erzeugten einen Straßen- und Luftverkehr mit bis dahin unbekannten Dimensionen. Seit den 70er Jahren befindet sich die Weltwirtschaft im fünften Zyklus, der seine Antriebsenergie aus der Entwicklung und Verwertung der Informationstechnik bezieht. Hier spielt der gesellschaftliche Bedarf nach effizientem Umgang mit Information und Wissen die zentrale Rolle.

 

Die Zyklen als Reorganisationsprozesse: Seit 1980 wissen wir, dass diese Kondradieff-Zyklen zugleich Reorganisationsprozesse einer Gesellschaft sind. Diese Zyklen sind Innovationsschübe, die zu neuen Ideen, Strategien, Bedürfnissen, Firmen, Arbeitsplätzen, Formen der Arbeitsorganisation, Qualifikationsanforderungen, Produkten, Diensten, Infrastrukturen, Gesetzen und politischen Prioritäten führen. Die auslösenden Erfindungen verändern die ganze Gesellschaft solange, bis sich das Innovationspotential erschöpft hat. Es folgt dann in der Regel eine tiefe Krise, bis der nächste Zyklus einsetzt.

 

Am Vorabend eines neuen Zyklus: Es gibt viele Anzeichen dafür, dass wir uns am Vorabend eines neuen Zyklus befinden, der wahrscheinlich durch den gesellschaftlichen Bedarf nach Gesundheit geprägt wird. Nicht nur eine rein körperliche Gesundheit, wie wir sie heute verstehen, sondern in einem ganzheitlichen Sinne: auch seelische, ökologische und soziale Gesundheit. Damit einher geht die exponentiale Entwicklung des Biotechnologiesektors, der den Umgang mit körperlicher Gesundheit revolutioniert wird. Das Ziel wird sein, die Informationsprozesse im Menschen sowie das weite Feld der seelischen und sozialen Störungen und Erkrankungen besser zu verstehen und die Heilungschancen zu verbessern.

 

Die Notwendigkeit der Umstrukturierung: Das Gesundheitswesen in seiner derzeitigen Struktur wird jedoch kaum Träger des neuen Zyklus sein. Bei seiner aktuellen Ausrichtung kommen die seelischen, sozialen, ökologischen und geistigen Risikofaktoren zu kurz. Es kann sich auch deswegen kein starkes Interesse an einer gesunden Bevölkerung entwickeln, weil viele Akteure in dieser Branche darauf angewiesen sind, dass Menschen erkranken. Starke innovationshemmende Partikularinteressen, unzureichende Gesundheitsförderung, mangelhaftes Gesundheitswissen, Verschwendung von Ressourcen sowie ein eklatanter Mangel an Aufklärung und Prävention belasten derzeit das System. Im Vordergrund steht momentan die Bekämpfung der Symptome ? nicht der Ursachen. Die Zahl der Erkrankungen steigt seit Jahrzehnten - auch bedingt durch das Älterwerden der Menschen, hauptsächlich jedoch durch den modernen Lebens-, Arbeits- und Ernährungsstil. Die Zahl der Erkrankungen wie etwa bei Allergien, Diabetes oder Asthma nimmt denn auch ständig zu. Die nötigen Produktionsreserven werden erst durch eine elementare Umstrukturierung des Gesundheitswesens entstehen ? und zwar weg von der Krankheitsorientierung hin zur Gesundheitsvorsorge.

 

Eingetretene Veränderungen: Auch wenn sich die Branche zur Zeit nicht gerade als Grundlage eines kräftigen Wachstums aufdrängt, so sei daran erinnert, dass sich inzwischen wichtige Veränderungen in den produktivitätsbestimmenden Kompetenzen und Wettbewerbsfaktoren ergeben haben. Die meisten Technologien sind weltweit verfügbar und bringen den einzelnen Staaten keinen relevanten Vorsprung mehr. Auch der Zugriff auf Kapital schafft keine herausragenden Vorteile mehr, da die Börsen der Welt ab einer bestimmten Größe fast jeder Firma zur Verfügung stehen. Ebenso erzeugen auch Forschung, Entwicklung, Fachwissen und Organisation immer weniger Vorteile im Wettbewerb, weil sie sich im Zuge der Globalisierung weltweit angleichen.

 

Gesundheit als ganzheitliche Betrachtung: Was die Gesellschaften, Unternehmen und Volkswirtschaften der Zukunft aber unterscheiden wird, ist die Gesundheit ihrer Menschen und die Qualität ihres Gesundheitswesens ? und das ganzheitlich gesehen auf körperlicher, seelischer, geistiger, sozialer und ökologischer Ebene. Der sich abzeichnende Zyklus ist eine Herausforderung. Es bedarf eines gesamtgesellschaftlichen Einsatzes, um ihn zu verwirklichen. Hier sind alle gefragt ? die Politik, die großen Lobbyistengruppen, beteiligte Branchen, Medien, die Legislative. Sie alle müssen kooperieren, um die Gesundheit zum Megamarkt des neuen Jahrtausends zu machen.

 

Leo A. Nefiodow, Wissenschaftler
Autor von über 70 Publikationen zum Thema Informationsgesellschaft

Lesetipp: "Der sechste Kontradieff. Wege zur Produktivität und Vollbeschäftigung im Zeitalter der Information," Rhein-Sieg Verlag, Sankt Augustin, 2001

 


Anzeigen
Berufe fürs Leben